Nord nach Süd – Eine Reise quer durch Indien / Teil 1

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Kürzlich haben wir unsere bisher längste Reise angetreten. Ungefähr 4300km quer durch Indien, von Delhi aus über acht Stationen bis in den Bundesstaat Kerala. Auf dem Weg fand in Bangalore eine Woche lang das Zwischenseminar aller VIA-Freiwilligen aus Indien statt, weswegen wir uns überhaupt diese Route überlegt haben. Es war spannend zu sehen, wie sich die Landschaft, das Essen und das Leben um einen herum verändern, während man das Land herunter reist. Doch von vorne:

Jaisalmer – zwei Nächte in der Wüste

Am 29. Januar stiegen wir, sieben Freiwillige und ich, in die berühmt-berüchtigte Sleeper Class der indischen Züge, die uns noch so manches Mal auf unserer Reise ans nächste Ziel bringen sollte. Nach einer ruckeligen, aber dennoch recht erholsamen Nacht erwachten wir bereits in einer anderen Welt: Schaute man aus den schmierigen holzverrahmten Schiebefenstern, sah man ringsherum nichts anderes als Sand und trockene Pflanzen – kein Zweifel: wir hatten den richtigen Zug erwischt und waren einige Stunden nach Abreise im Bundesstaat Rajasthan angekommen. Als wir aus dem Zug stiegen, überraschte uns gleich die angenehm warme Luft. Nach dem Winter in Delhi war das eine mehr als erfreuliche Tatsache. Nachdem wir die Packkapazität unserer Rucksäcke noch einmal nach dem Hineinstopfen der dicken Pullover getestet hatten, ging es auch gleich weiter. Die zweitägige Kamelsafari stand bevor! Unsere Sachen konnten wir bis auf die für die Wüstentage notwendigen Utensilien und Schlafsäcke noch schnell in einem Hotel verstauen und nach einem kurzen Mittagessen ging es dann mit dem Jeep erst einmal eine Stunde lang in die Wüste Thar hinein. Unsere Kamelführer warteten bereits mit den Tieren auf uns und wir ritten sofort los, nach dem wir uns auf die Dromedare gehieft und unsere Habseligkeiten auf ihnen verstaut hatten. Allein der Aufstieg, wenn sich das Dromedar wieder aus seiner „Hocke“ aufrichtet, war sehr wackelig und die ersten Schritte sehr abenteuerlich. Doch dauerte es nicht lang bis man eine (mehr oder weniger) bequeme Sitzposition gefunden hatte und trotz des wackeligen Gangs der Tiere die Aussicht von dort oben genießen konnte.

Trockene Steppenabschnitte mit Staub und kleinen Büschen wechselten sich mit malerischen Sanddünen ab, Kuhherden marschierten zu Wasserplätzen während einsame Hunde ihr Revier durchstriffen.
Zur Dämmerung begannen wir unser kleines Lager in den Dünen zu errichten. Nebeneinander ausgebreitete Decken dienten als Schlafplatz und mit etwas Feuerholz wurden die mit einem einfachen von den einheimischen Führern zuberichteten Dal-Gemüsegericht und Reis gefüllten Töpfe erhitzt. Das Essen schmeckte am Lagerfeuer in der Runde besonders gut und mit gefüllten Bäuchen legten wir uns direkt unter den klaren Himmel in unsere Schlafsäcke gewickelt. Das Sternschnuppenzählen ließ einen beruhigt einschlafen. Was für ein erster Tag!

Die stille Seite Indiens

Der Silvestertag begann kurz nach dem Sonnenaufgang mit einem heißen Chai, der genau das richtige nach einer kalten, aber ruhigen Nacht war. Die freundlichen Kamelführer bereiteten uns schon Obst, Porridge und Toast (neben natürlich noch mehr Chai) zu, während wir uns aus unseren Betten pellten und uns vom Sand der etwas windigen Nacht befreiten. Dass die komplette Kleidung voller Sandkörner war, wir kein fließendes Wasser geschweige denn eine Toilette hatten und der morgendliche Waschvorgang aus einer Wasserflasche vonstattengehen musste, nahmen wir einfach hin. Wir hatten sogar viel Spaß daran, zwei Tage lang einfach mal fast nichts zu haben.
Einige Stunden ritten wir durch die Wüste, entdeckten Tiere, Spuren, Hütten und Menschen. Langweilig wurde uns jedoch nie. Für eine kurze Pause machten wir zur Mittagszeit in einem klitzekleinen Dorf Halt und tranken einen Chai, den uns eine Dorfbewohnerin zubereitete.

Abendessen in der Wüste

Abends schlugen wir unser zweites Lager auf, es gab wieder leckeres Essen und dann war es da: das alljährliche nervöse Warten bis endlich 0 Uhr war. Um das Lagerfeuer in Decken eingepackt verging diese Zeit doch schnell und prompt zum neuen Jahr wurde das eigens für den Anlass geholte Feuerwerk gezündet und der Jahreswechsel gefeiert. Am Horizont konnte man die Raketen der feiernden Bewohner der Städte erahnen. Sogar das kalte Bier zum Anstoßen hat nicht gefehlt. Das war wirklich ein Silvester, was in Erinnerung bleibt.
Statt dem üblichen verkaterten Neujahrstag ging es für uns am nächsten Morgen wieder auf die Kamele und zurück zur Stadt Jaisalmer, die noch erkundet werden wollte. Wir alle waren mehr als froh die zwei Tage in der Wüste verbracht zu haben, es war eine tolle Erfahrung.
Gegen Mittag bezogen wir dann auch schon wieder ein Hotel, mit warmer Dusche (und einer Toilette!). Die Altstadt Jaisalmers liegt direkt in einem bewohnten Fort und nur kleine unbefahrene Gassen winden sich durch den kleinen Ort. Tempel stehen an Tempel, Touristenherbergen and Touristenläden. Doch letzteres schmälert das Flair der einzigartigen Stadt kaum, auf den Wegen inner- und außerhalb des Forts gibt es auch anderweitig einiges zu entdecken.

Spaß in der Wüste

Nach Jaisalmer stand die Stadt Udaipur auf dem Programm, weswegen wir gar nicht viel Zeit hatten. Abends setzten wir uns in einen Reisebus, der uns in die wunderschöne Stadt mit großem britischen architektonischen Einfluss bringen wird…

Musik, Tanzen, Essen, Böllern

Wenn mir die Einwohner des Landes, in dem ich jetzt seit sieben Wochen wohne, eines gezeigt haben, dann ist es: sie können feiern. Und zwar wie.

Happy Diwali!

Dass Indien die Feste aller großen Religionen feiert und somit auch viele offizielle Feiertage hat, ist gemeinhin bekannt. Und mit welcher Hingabe die Feste angegangen werden, ist wirklich eindrucksvoll. Ob Dussehra, als riesige Statuen abgefackelt wurden, Diwali, dem Lichterfest, die zahlreichen Hochzeiten, das Ankommen eines wichtigen Gastes oder private hinduistische Gottesdienste: in den allermeisten Fällen gab es laute Musik zum Mitsingen oder Tanzen, viele Leckereien und vor allem bei den Kindern ganz wichtig: Böller und Raketen (gegen so einen indischen Böller ist der gute alte Chinaböller D von uns wirklich eine Knallerbse).

Heute war eines der wichtigsten Feste der Sikhs: Guru Nanak Gurpurab. Hier wird der Geburtstag des allerersten Gurus namens Nanak gefeiert, der als Gründer der Religion des Sikhismus im 15. Jahrhundert gilt. Obwohl Indien oft mit dem Tragen eines Turbans assoziiert wird, tragen nur männliche Sikhs (die eine Minderheit der Bevölkerung darstellen) einen solchen Dastar. Des Weiteren sieht man manchmal auch ein kurzes schmuckvolles Messer am Gürtel und Metallringe an den Handgelenken. Der Sikhismus glaubt an einen gestaltlosen Schöpfergott und setzt sich zum Ziel sich vom Aberglauben abzuwenden und religiöse Weisheit für den Alltag nutzbar zu machen. Außerdem werden soziale Hierarchien und somit auch das noch mächtige Kastensystem abgelehnt.

Das Fest heute bestand aus einem Straßenumzug, an dem Bläser- und Trommlergruppen, berittene Tiere wie geschmückte Pferde und Elefanten und Wagen mit religiösen Gesängen teilnahmen. Auf der Route gab es etliche Zelte, in denen kostenloses Essen im Zuge des Langar gereicht wurde. Wie auch schon in den Tempeln, die ich besuchte, gab es gemeinsame Mahlzeiten, um die Gemeinschaft und die Gleichheit der Menschen zum Ausdruck zu bringen. Natürlich ließ ich mir nicht die Gelegenheit nehmen, mich an den Ständen durchzuprobieren, wenn man denn schon einmal eingeladen war.

Wer dabei sein wollte, musste früh aufstehen. Allerdings brauchten wir unseren Wecker gar nicht, denn die Nachbarskinder waren schon eifrig dabei, um halb sechs morgens einen Knallkörper nach dem anderen zu zünden. Als der Umzug dann um neun endlich begann, stürzten alle zu den Essensständen, um etwas in ihre hungrigen Bäuche zu bekommen. Wer sich durchdrängeln konnte, wurde reichlich belohnt: Es gab allerlei Köstlichkeiten von Chole Bhature (ein Kichererbsencurry mit frittiertem Brot) über Kachori (diesmal ein härteres Brot mit Kartoffelsoße)  bis hin zu mit Kardamom gewürzter heißer Milch und natürlich Chai. Mit der ganzen Musik, der ausgelassenen Stimmung und den Leckereien hatten wir reichlich Spaß.
Am Schluss halfen wir einer Gruppe Schülern, den vielen produzierten Müll, primär bestehend aus Pappschalen und -bechern, aufzusammeln und in Beutel zu packen, denn wie jedes Fest war dies auch wieder so schnell vorbei, wie es gekommen war. Ich freue mich jetzt schon auf das nächste, was immer es sein mag!

Auf den Spuren des Dalai Lama

Für das Zugsystem ist Indien bekanntlich berühmt und auch uns zog es am Dienstag, den 10. November in seinen Bann. Am Abend stiegen wir in Delhi in einen Waggon der Sleeper Class (SL), die günstigste der Übernachtungswagenklassen, der uns erholt nach Amritsar bringen sollte. Die Gemächer bestehen aus jeweils drei, sich gegenüber hängenden Betten, die an der Wand befestigt sind. Außerhalb der Schlafphasen wird das mittlere Bett nach unten hin an die Wand geklappt, sodass aus ihr eine Rückenlehne wird und man auf der untersten sitzen und sich mit seinem Gegenüber unterhalten kann. Alles in allem nicht unbedingt super komfortabel, aber ausreichend, wenn man nachts kurz sein Auge zu machen möchte. Dazu kommt noch der äußerst schmale Preis von nur ca. 4€ für die zehnstündige Fahrt. Unterwegs wird man von Chai- und Snack-Verkäufern begleitet, die einem die Fahrt mit dem cremig-süßen Tee oder anderen Köstlichkeiten versüßen.

(Fast) ausgeschlafen erreichten wir am frühen Morgen die bekannte Pilgerstadt Amritsar im Bundesstaat Punjab, etwa 400 km nördlich von Delhi und begaben uns gleich auf die Suche nach dem höchsten Heiligtum der Sikhs und dem Ort, für den die Stadt bekannt ist: den goldenen Tempel. Gleich nebenan befinden sich eine Art Herbergen, in denen wir für zwei Tage unterkommen wollten. Sie bestehen zum Großteil aus einem großen überdachten Innenhof, in dem hunderte Pilger und Anhänger des Sikhismus nächtigen und einem kleinen abgesonderten Bereich für Ausländer. Gegen eine Spende konnten wir hier sehr einfach und schlicht schlafen und gleichzeitig den Tagesablauf der Devotees verfolgen.

Devotees im Schlafsaal

Nachdem wir ein paar Betten für uns beansprucht haben, folgte der erste Rundgang um den Tempel. Die Anlage besteht aus dem goldenen Tempel selbst in der Mitte eines großen Wasserbeckens, welches mit heiligem Wasser gefüllt ist und zu dem ein ebenfalls goldener Steg führt. Umgeben wird das Wasserbecken von einem quadratischen Weg, welcher wiederum von weißen Arkaden und anderen Bauten gesäumt wird.
Ein wichtiger Teil eines Tempelbesuchs stellt das gemeinsame Essen dar. Dabei findet man sich mit vielen anderen Menschen in einem Saal oder alternativ unter freiem Himmel ein und setzt sich mit dem bereitgestellten Teller in Reihen auf den Boden. Kurz darauf bekommt man von Freiwilligen Chapatis (indische Fladenbrote) in die Hände, dazu verschiedene Soßen und Currys auf die Teller. Nach dem Gebet beginnt man mit dem Verzehr – natürlich mit den Händen. Das Kochen, der Abwasch und die mit dem Essen verbundene Arbeit wird schon fast wie in einer Fabrik erledigt, weil im 15 Minuten-Takt neue Menschen in die riesigen Säle strömen.

Gemeinsames Speisen im Goldenen Tempel

Danach verbrachten wir unsere Zeit in der Stadt, erkundeten geschichtsträchtige Plätze und Denkmäler, an denen Revolten niedergeschossen wurden.

Nach einem Abendessen im Tempel begann eines der wichtigsten Feste der Inder: Diwali, übersetzt „Anordnung von Lichtern“. Man feiert den Sieg des Guten über das Böse, der Wahrheit über die Lüge. In Nordindien ist es zudem der Neujahrstag. Überall werden kleine Lichter aufgestellt, an den Häusern hängen viele Lichterketten, es gibt unzählige Muster aus farbigem Sand auf den Fußböden und die ganze Nacht Feuerwerk. Vorher gab es in manchen Bereichen „Diwali-Märkte“ und man merkte, wie sich die Leute vorbereiteten. Die Häuser werden geputzt, man kauft Geschenke und neue Kleider, die Werbetafeln werben mit Diwaliangeboten und die Kinder im Projekt freuen sich wie wild auf den Tag. Insgesamt kann man das Fest aufgrund der positiven Stimmung und der Lichter sehr mit Weihnachten in Kombination mit Silvester vergleichen. Auch in Amritsar wurde kräftig geböllert und der Tempel wurde durch Lichterketten erleuchtet. Wir zogen durch die Straßen, beobachteten das Feuerwerk und zündeten selbst welches.

Der Tempel an Diwali

Am nächsten Tag frühstückten wir natürlich im Tempel nebenan und machten uns auf den Weg einer sehr merkwürdige Zeremonie beizuwohnen. Amritsar liegt 30 km von der Grenze zu Pakistan entfernt und so ist es ein gut besuchtes Touristenspektakel, wenn abends die Grenze zwischen den beiden Staaten feierlich geschlossen wird. Man findet sich auf Zuschauerrängen ein und schaut bei „furchteinflößenden“ Märschen der geschmückten Grenzsoldaten zu. Sehr eindrucksvoll versuchten sie, die jeweils anderen mit strammem Schritt und Muskelprahlerei einzuschüchtern. Ein Mann mit Mikrofon heizte den Zuschauern ein, die die patriotistischen Sprüche wiederholten, den eigenen Soldaten zujubelten und die pakistanischen Kontrahenten niedermachten. Die Stimmung glich einem Fußballstadion. Zum Schluss gab es dennoch einen Handschlag, die Fahnen wurden eingeholt und feierlich weggetragen.

Prunkvoller Marsch

Als wir um vier Uhr in der Früh aufstanden, um einen Bus nach Dharamsala zu erwischen, waren die allermeisten der bei uns in der Herberge wohnenden schon munter. Um fünf Uhr beten die Sikhs ihr erstes Gebet und so konnte man im Gemeinschaftsbad sehen, wie Turbane gewickelt wurden und man sich bereit für das Gebet machte. Im Bus selbst lief im Fernseher religiöse Musik.
Die Fahrt ging durch die Berge war sehr kurvig, doch nach einigen Stunden kamen wir in Dharamsala an. Wenn Backpacker Dharamsala sagen, meinen sie jedoch meistens Mcleod Ganj, ein kleinerer Ort, der sozusagen als nördlicher Teil von Dharamsala aufzugreifen ist. In diesem lebt der Dalai Lama seit seiner Flucht aus dem besetzten Tibet 1959 und die Exilregierung hat hier ihren Sitz. Deshalb stellt Mcleod Ganj einen wichtigen Ort für die tibetische Kultur dar. Es gibt einige tibetische Klöster und Tempel zu entdecken und Mönche laufen in ihrer dunkelroten Robe durch die Stadt.
Umgeben ist der Ort von wunderschönen Bergen und wir haben es natürlich nicht versäumt uns diese etwas näher anzuschauen. Wir genossen selbstverständlich die gute Luft, den leichten Wind und die Sonne auf unserer Haut. Wie konnte man auch nicht, wenn die bunten tibetischen Gebetsfahnen sachte wehen, sich die weißen Wolken um die schneebedeckten Bergspitzen schieben und die Gebirgsbäche die Felsen hinunterplätschern.

Blick vom Hostel

An den zahlreichen auf die zahlkräftigen Touristen ausgerichteten Marktständen konnte man Buddhafiguren in jeglicher Form oder große Decken aus Yak-Wolle erstehen und in den Restaurants gab es tibetische Küche – sehr lecker!

Auch dieser schöne Urlaub ging zu Ende und am Sonntag Nachmittag suchten wir nach einem Bus, der uns wieder nach Delhi bringen kann. Wir mussten ja morgen arbeiten! Zunächst fuhren wir also in einen anderen Ort, wo wir umsteigen wollten doch dort gab es weit und breit keinen Bus, der frei war, weil viele über Diwali verreist waren. Auch Züge gab es keine mehr. Naja, um Bernd Stelter hier zu zitieren: Mahatma Glück, Mahatma Pech, Mahatma Gandhi. Weil wir also keine andere Möglichkeit hatten, mussten wir in den sauren Apfel beißen und die Strecke mit einem Langstreckentaxi bewältigen. Glücklicherweise trafen wir noch zwei niederländische Backpacker, die vor dem selben Problem standen wie wir. Wir fuhren die Nacht durch, wurden erneut vom Pech heimgesucht und mussten gleich zwei platte Reifen verkraften, die der Fahrer aber mit flinken Händen auszuwechseln wusste. Pünktlich um 10 Uhr waren wir zurück in Delhi, wo wir gleich bei unserem Projekt ausstiegen und unseren Unterricht starten konnten. Was für ein Tag. Der Alltag holt einen schneller wieder ein, als einem lieb ist…

Viele, viele weitere Fotos findet man in der Fotos-Abteilung hier auf dem Blog oder gleich bei flickr!

Ein Wochenende frische Luft

Unser erster Wochenendtrip – und was für einer!

Zwölf Freiwillige aus Delhi zog es vergangenes Wochenende in die Ferne, und zwar nach Rishikesh, was im Bundesstaat Uttarakhand am Fuße des Himalayas liegt. Als „Yoga-Hauptstadt der Welt“ findet man dort zahlreiche Ashrams, Yogazentren und Menschen aus allen Teilen der Erde, die auf ihre Weise spirituelle Erleuchtung suchen. Zusätzlich liegt die Stadt am heiligen Fluss Ganges, der dort noch sehr sauber und rein ist und eine atemberaubende Aussicht verspricht. Mit Sack und Pack stiegen wir also am Freitagabend in den recht komfortablen Reisebus, der uns etwa sieben Stunden lang den dicht bewaldeten Bergen näher bringen sollte. Um kurz nach vier in der Früh schlugen wir am tristen und kalten Busbahnhof der Stadt auf  – und tranken erstmal einen Chai. Den indischen Tee gibt es an jeder Ecke und wird immer frisch aus Milch, Wasser, Teeblättern und manchmal Gewürzen und Ingwer gekocht, so auch mitten in der Nacht am Touristenort Rishikesh. Nachdem wir den Sonnenaufgang hinter den Bergen von einem nahegelegenen Wasserturm beobachtet haben, machten wir uns auch wenig später schon auf, um unseren ersten Programmpunkt anzutreten. Neben Yoga ist die 100.000 Einwohner-starke Stadt für Wildwasser-Rafting bekannt und wir ließen es uns nicht nehmen, zwischen den Bergen auf dem kristallklaren Fluss eine kleine Bootstour zu unternehmen. Aufgeteilt in zwei Schlauchboote wurden wir über das wilde Wasser gejagt und zwischen den Stromabschnitten bot uns die Natur eine wahrlich atemberaubende Aussicht. Dazu füllten wir unsere smoggeplagten Lungen mit reiner, angenehmer Luft. Zwischenzeitlich sprangen wir auch von den Booten und ließen uns einfach treiben – körperlich wie geistig.

Die atemberaubende Natur

Abgetrocknet und umgezogen suchten wir uns ein entspanntes Hostel, in dem wir schnell die Zimmer bezogen und uns dann auf den Weg machten, unsere leeren Bäuche mit Thalis zu füllen.
Den Nachmittag verbrachten wir damit, uns den Ort mit den vielen Tempeln anzuschauen, uns über westliche „Hare-Krishna-Touristen“ zu wundern und von der „German Bakery“ enttäuscht zu werden, die lediglich mit Schokokeksen und Nussecken aufwarten konnte.

Am nächsten Tag stand das nächste Highlight kurz bevor. Wir liehen uns kurzerhand einige Motorroller, was trotz des Mangels an adäquaten Führerscheinen keinerlei Problem darstellte, und fuhren weiter den Ganges entlang. Um Wasserfälle zu sehen, legten wir einen Stop ein und wanderten über die in den Stein gehauenen Treppen einen Berg hinauf und wurden für die Mühe auf jedem Meter mit einem grandiosen Anblick der Natur belohnt. Am Ende des Weges gingen wir noch ein bisschen weiter und fanden zu unserer Überraschung eine kleine Selbstversorgerhütte, vor dessen Tür Kühe und Schafe schliefen. Die Hausdame empfing uns freundlich und servierte uns sogar einen Chai, der angesichts der tollen Sicht gleich noch viel besser schmeckte. Nach dem Abstieg fuhren wir noch weiter über die Straßen, was uns allen sehr viel Spaß machte. Doch irgendwann wurde es auch im wahrscheinlich erleuchtetsten Ort der Welt dunkel und wir machten uns auf den langen Heimweg nach Delhi. Schön war’s!

Berghütte weit oben

In der Sektion Fotos findet ihr noch einige Bilder von unserem Ausflug.

Kinder, Kinder!

Wenn schon auf dem Weg zwischen der Metrostation Shadipur und meinem Projekt dutzende Kinderstimmen unsere Namen quer über den von Gemüsehändlern gespickten Weg rufen, uns ihre rechte Hand mal nervös, mal ganz lässig, aber immer fröhlich zum Schütteln hinhalten und mit einem „how are you, what is your name“ noch einmal auf Nummer sicher gehen und uns fast ausweglos umringen – dann weiß ich: hier bin ich richtig.
Die direkt an der Kathputli Colony, einem Slum, in dem sich traditionelle Künstler niedergelassen haben, liegende Schule besteht aus drei kleinen Gebäuden, in denen unter anderem eine Handvoll Klassenräume und eine Versammlungshalle untergebracht sind. Außerdem gibt es Räume, die für die Activity Classes vorgesehen sind, sowie einen – im Vergleich zum Rest der Einrichtung- sehr gut ausgestatteten Computerraum. Die meiste Zeit wird einfaches Englisch unterrichtet, aktuell lernen die Kinder, die allesamt im Alter der ersten bis sechsten Klasse sind, Vokabeln über Berufsgruppen wie einem Arzt (injection, hospital, accident, …). Dabei sitzen sie auf dem Boden und schreiben in ihr Schulheft, während die Deckenventilatoren die warme Luft des indischen Herbstes abkühlen. Daneben gibt es zahlreiche Kurse, in denen die Künste wie Akrobatik, Percussion und Tanz gelehrt werden; die meisten Kinder sind ganz wild darauf, uns ihre – wie ich finde, sehr fortgeschrittenen – Kunststücke und Kostproben zu zeigen. Ihr Stolz auf ihre Kultur ist sehr bemerkenswert und hat dazu geführt, dass wir schon einige Vorführungen in der besagten Versammlungshalle oder nur für uns in den Häusern der Anwohner genießen durften. Die Gastfreundschaft und das Interesse an unserer für sie fremden Kultur ist insgesamt sehr groß. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mit Neugierigen plaudern und uns austauschen.
Da wir erst seit einigen Tagen unsere Ausländerregistrierung erfolgreich abgeschlossen haben, haben wir auch erst kürzlich unseren offiziellen Stundenplan erhalten. Und weil aktuell auch für indische Verhältnisse ziemlich viele Feste stattfinden, ist die Anzahl der Schüler recht gering, weswegen wir uns noch nicht wirklich als Lehrer erproben konnten. Die letzten Wochen schauten wir den Lehrerinnen also über die Schulter, beobachteten sowohl den Fleiß als auch den Bewegungsdrang der Kinder und lernten, auf welchem Englischlevel die meisten sind, auch wenn das sehr variiert. Dieses beschränkt sich meist auf einige Floskeln und Vokabeln, mit den Jugendlichen der Colony, die auch zu der Schule kommen um in unsere Englis

In der Mittagspause suchen wir meist einen der zahlreichen Essensstände auf, zum Beispiel den Naan-Stand unseres Vertrauens, der für umgerechnet 0,50€ flache Naan-Brote und verschiedene Soßen, meist Dal (Linsen) oder Chole (Kichererbsen), serviert, die natürlich mit den Händen gegessen werden. Das Essen hier ist immer wieder ein wahres Geschmackserlebnis – von frittiert bis gekocht, von extrem scharf bis zuckersüß ist alles dabei.

Ankommen in der Riesenstadt

Als wir nach dem doch recht bequemen Flug das erste mal in die trockene Hitze am Indira Gandhi International Airport in Delhi stiegen, hörte man schon das berühmte Hupen des noch viel berühmteren Verkehrs Indiens. Und so sollte es auch nicht anders sein, dass die erste Erfahrung, die ich in Indien machte, der wilde Verkehr ist. Nach einer kurzen Registrierung als Ausländer und dem erfolgreichen Suchen der Koffer, sahen wir schon aus der Ferne das Schild, auf dem „Tim & Paul“ geschrieben stand. Wir stiegen kurz darauf ins Auto, das uns zu unserer neuen Bleibe fahren sollte. Auto-, Rickshaw-, Roller- und was-sonst-nicht-alles-Fahrer drängeln sich durch mal breite, mal schmale, jedoch immer (viel zu?) dicht befahrene Straßen. Wenn es Fahrbahnmarkierungen gibt, werden sie nicht beachtet, Geschwindigkeitsbegrenzungen, abgesehen von „Go slow“, habe ich bisher im Innenstadtverkehr nicht entdeckt. Das Verkehrsverhalten kann man am ehesten mit dem Laufen durch volle Fußgängerzonen vergleichen: wer es eilig hat, schlängelt sich durch die Masse, mal links mal rechts. Außerdem spielt die Hupe eine zentrale Rolle im Verkehr. Statt zu blinken wird gehupt, mal kurz, mal lang, mal doppelt. Scheinbar gibt es dort ein System, das ich noch nicht verstanden habe – oder es gibt einfach keins und alles läuft so chaotisch ab, wie es aussieht.

Als wir geschafft in der Wohnung ankamen, beschlossen wir noch am gleichen Tag sie zu putzen und uns herzurichten. Sie ist recht klein, für zwei Personen aber durchaus ausreichend. Das besondere Highlight ist der große Balkon, welcher mehr einer großen Dachterrasse ähnelt. In fußläufiger Entfernung gibt es am Rande der Hauptstraßen Gemüse- und Obstmärkte, Geschäfte und Straßenverkäufer sowie Einkaufsstraßen. Die vielen Rickshawfahrer wollen einen stets heranwinken, aber um Einkäufe zu machen ist eine Fahrt nicht notwendig. Außerdem gibt es mit dem Metrosystem eine gute Anbindung zu den gefühlt tausenden anderen Bezirken und zu den Mitfreiwilligen.

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Die ersten Tage und Eindrücke waren mehr als überwältigend. Ich habe mir versucht vorzustellen, wie es hier abgeht, aber es ist doch ganz anders. Die Stadt, oder vielmehr nur der Bruchteil, den ich bisher vorsichtig kennengelernt habe, haut einen aus den Schuhen und ich musste erstmal mit dieser neuen, völlig ungewohnten Situation klarkommen. Bei jedem Augenaufschlag entdeckt man neue Einzigartigkeiten, sich durch den Verkehr zu schlängeln ist eine Aufgabe, für die höchste Konzentration gefragt ist und das Feilschen auf dem Markt ist eine ganz eigene Welt. Ich bin gespannt, was das Jahr zu bieten hat.

Was ist eigentlich los?

Eigentlich sollte ich längst in Pune gewesen sein, jedoch musste ich das Projekt wechseln. Ohne besonders auf die Details einzugehen, hat sich das Management vor Ort dazu entschlossen, dieses Jahr keine Freiwilligen aufzunehmen. Glücklicherweise fand ich noch eine freie Stelle bei der Entsendeorganisation VIA e.V. und werde ab Ende September ein Jahr in Indiens Hauptstadt Delhi beim Projekt „Kalakar Trust“ verbringen. Sie setzen sich für die traditionellen Künstler in den Slums von Delhi ein und meine Aufgabe wird es sein, in einer Schule mit den Schülern Englisch zu lernen und sie darüber hinaus zu fördern.

Bald ist es soweit!

Die Nervösität steigt. Am 13. August 2015 werde ich in den Flieger steigen und für ein Jahr in der Universitätsstadt Pune im Bundestaat Maharashtra, der neuntgrößten Stadt Indiens, leben. Vor dem großen Abenteuer müssen noch einige Dinge erledigt werden – neben schulischen Dingen wie dem Ablegen der Abiprüfungen oder der Organisation des Abiballs müssen Impfungen genommen und Visa beantragt werden.

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